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Hasenöhrl 3.257 m

Ein Südtiroler, ein Wiener und ein Niederlausitzer sitzen in abendlicher Bierseeligkeit im Vinschgau beieinander und beratschlagen welche Bergtour man gemeinsam machen könnte, die auch an einem Tag im Sack wäre. In die Dolomiten zu fahren wäre Quatsch, in der Ferienzeit ist halb Italien gerade dort unterwegs. Eisige Gipfel wie Similaun oder Finailspitze fallen auch aus, da die Hochtourenausrüstung nicht für alle vorhanden ist. Außerdem waren Franz, der Südtiroler und ich selbst, als Flachlandtiroler, dort nun schon teils mehrfach droben. Beim Blick in die Runde springt uns plötzlich das Hasenöhrl geradezu in die Augen. Täglich präsent, da die ebenmäßige Gipfelpyramide keck über dem Vinschgau thront. Bisher immer als interessant betrachtet, aber nie angegangen, wegen eines vermeintlich langen Anstiegs. Nach einem Blick ins Kartenmaterial, einer Google-kurz-Recherche und einem weiteren Bier stand fest, am nächsten Tag geht es aufi. 

Abends wurde schnell noch das ganze Geraffel im Rucksack verstaut. Zur Abfahrt waren wir bewaffnet bis an die Zähne. Eispickel, Gurte, Seil, Steigeisen..., es hätte damit auch der Everest sein dürfen. An der Kuppelwieser Alm, leicht, auf gutem Fahrweg aus dem Ultental zu erreichen, ließen wir die ganze Bewaffnung schließlich im Kofferraum liegen. Eine Nachfrage beim Junior des Hüttenwirtes bezüglich nötiger Ausrüstung zauberte nur ein Lächeln in sein Gesicht, als er von unserem Equipment hörte. Umso besser, je weniger zu tragen, so angenehmer der Aufstieg, es lagen ja schließlich knapp 1.300 Höhenmeter noch vor uns.

Anfangs auf Schotterpisten, welche in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts zum Bau des Staudamms des Arzkarsees angelegt wurden, schraubten wir uns gemütlich in die Höhe. Doch bald schon führte der hervorragend markierte Weg Nr. 11 bzw. 11A über weite Almböden zum Latscher Joch. Im nicht aufreißen wollenden Nebel waren Kühe, deren Glockengeläut und ein paar Schafe unsere einzigen Weggefährten. Auch das Pfeifen von Murmeltieren begleitet uns bis zum Joch auf 2.536 m, ohne das wir die Burschen in der weißen Suppe zu Gesicht bekamen. Dann endlich, die Sonne siegte und wir bekamen auch etwas fürs Auge. 

Das Hasenöhrl, oder auch Hasenohr, noch besser auf italienisch "l'Orecchia di Lepre", gehört zum Zufrittkamm in den Ortleralpen und ist zugleich östlichster Berg des Marteller Hauptkamms. Das Gebiet gehört zudem zum Nationalpark Stilfser Joch. Aus dem Norden nimmt man den Gipfel als ebenmäßige, eher flache aber firnbedeckte Pyramide wahr. Vom Vinschgau und vom Ultental ist der höchste Punkt relativ einfach zu erreichen. Die Erstbesteigung erfolgte aber erst am 17. August 1895 durch den Erfurter Alexander Burckhardt. Im Vergleich dazu, der Montblanc wurde schon 1786 erstbegangen.

Schweißtreibend zog der Weg vom Latscher Joch steil hinauf zum NO-Grat. Eine kurze Rast vor dem Gipfelsturm ließen wir uns nicht nehmen, als dieser erreicht war. Eher gutmütiges Gehgelände führt bis ca. 3.000m hinauf zur Blauen Schneid, dem eigentlichen Gipfelgrat. Ein großer Steinmann markiert mehr oder weniger deren Beginn und zudem den höchsten Punkt eines Vorgipfels bevor es ein paar Meter runter zum Wintersattel geht. Vom Saharasand rot überzuckerte Schneeflecken säumten den schmalen Pfad. Je höher man gelangt, um so eindrücklicher werden die Einblicke in die NO-Wand, das markante Eisdreieck, welches vom Tal aus unübersehbar ist.  

Nun, hin und wieder ein wenig ausgesetzt, steilte der Grat zum Gipfel hin doch stark auf. Unerwartet könnte man sagen, wenn man von besagtem Talblick ausgeht. Aber mit dem Gipfelkreuz vor Augen war das gar kein Problem. Eine Stelle, hier muss sich in den letzten Jahren wohl ein Bergsturz ereignet haben, ist sogar mit Drahtseilen versichert. Bei heiklen Verhältnissen sicher okay, bei den Bedingungen unserer Tour nicht von Nöten. 

Die letzten Meter zum Gipfelkreuz führten noch einmal über Schnee. Dann war es geschafft. Über den Wolken genossen wir den Blick ins Vinschgau, ins Ultental, hinüber zu den Ötztaler Eisgipfeln und zur Texelgruppe. Nur der Cevedale, der Ortler und seine Nachbarn blieben uns im Nebel verborgen. Eine ausgiebige Gipfelrast, inklusive Gipfelbier ließen wir uns nicht nehmen. Daniels Illusion der einzige Wiener auf dem Gipfel zu sein löste sich leider mit dem Eintreffen der nächsten Seilschaft auf. Aber das tat der Freude über das Erreichte keinen Abbruch.
Für die gut 5,5 km von der Kuppelwieser Alm zum Gipfel hatten wir nicht ganz 4 Stunden benötigt. Mit etwas strammeren Schritt ist die Tour also auch in 3 Stunden machbar - wobei der Genussfaktor dann eher etwas kleiner sein sollte...  

Unsere Abstiegsroute entsprach der Aufstiegsroute. Sicher, wir hätten einen anderen Grat hinuntersteigen können, nur hätte das sehr weite Umwege zum Auto bedeutet. Um ein wenig Abwechslung in die Tour zu bringen,  nahmen wir vom unteren NO-Grat einen alten, recht steilen Hirtenweg (ohne Markierung, nur ein paar Steinmänner) zum Arzkarsee, dessen Staumauer wir uns eh unbedingt von der Nähe ansehen wollten.   

Der Arzkarsee ist der höchstgelegene Stausee im Bereich des Ultentals. Der Wasserspiegel befindet sich auf 2.249 m ü.NN. Seine Staumauer wurde 1965-66 errichtet, ist 85 m hoch und 465 m lang. Der See hat ein Fläche von ca. 30 ha und speist über einen Druckstollen das 358m tiefer gelegene Kraftwerk Kuppelwieser Alm. 42 MW kommen so ins örtliche Stromnetz. Bei Bedarf kann die ganze Anlage sogar als Pumpspeicherwerk betrieben werden. Diese Wissen stammt nicht aus dem Internet, vielmehr trafen wir auf der Staumauer den diensthabenden Stauseewächter, der uns bereitwillig Auskunft zur Anlage gab!  

Von der Staumauer folgten wir nun dem alten Fahrweg hinunter bis zur Kuppelwieser Alm. Eine Einkehr musste natürlich sein. Hunger hatten wir sowieso schon wieder und ein Gipfelschnäpschen in Ehren darf man nach einer Hasenohrbesteigung nicht verwehren... 


Unsere Tour startete von der Kuppelwieser Alm. Von Lana ins Ultental und in Kuppelwies rechts abbiegend, der Ausschilderung Steinrast / Kuppelwieser Alm folgend. Der Weg ist asphaltiert und recht gut in Schuss. An der Kuppelwieser Alm gibt es genügend Parkplätze. Unsere Aufstiegsroute folgte den Wegen Nr. 11 / 11A zum Latscher Joch und ab dort Weg Nr. 2 bis zum Gipfel. Die Wege sind sehr gut markiert!
Kartenmaterial: AVS Ultental und Deutschnonsberg 1:25.000
Ausrüstung: bei sommerlich guten Bedingungen normale Bergtourausrüstung, früher im Jahr sicher Steigeisen und Eispickel stellenweise nötig