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#Festive500 vom 24. - 31.12.2020

Lange bevor mit Covid-19 und den damit auch einhergehenden Einschränkungen im Sport, virtuelle Wettkämpfe aus dem Boden schossen, war der von Rapha initiierte #Festive500 schon ein bekanntes und beliebtes, weltweit verbreitetes Event dieser Art. Erstmalig machte sich Graeme Raeburn im englischen Winter 2009 auf, zwischen Heiligabend und Silvester 1.000 km unter die Reifen zu bringen. Seine Erkenntnis aus dieser Aktion: bei winterlichen Bedingungen reichen auch 500 km! So kam es 2010 zur ersten Wiederholung, welche schon 94 Teilnehmer zählte, die nun 500 km abspulten. Es sprach sich herum und 2019 stellten sich bereits 82.376 Radsportler dieser Aufgabe, von denen sie 17.373 auch schafften! Virtuell verbunden, über die Plattform Strava, lässt sich hier ein großer Spaßfaktor und ein Miteinander erkennen, egal ob die 500 km auf der Straße, auf Gravelroads oder auf dem Mountainbike in Angriff genommen werden. Sogar auf der Rolle, Stichwort Zwift, lässt sich hieran teilhaben. Winterlichen Bedingungen stellen sich natürlich nur die Radler der nördlichen Hemisphäre, wer in Australien in die Pedale tritt, hat eher mit sommerlicher Hitze zu kämpfen. 
Nun sind diese virtuellen Sachen, im Laufsport weit verbreitet, eigentlich gar nicht mein Ding, ebenso wie die wenigen wirklich stattfindenden, pandemiekonformen Läufe, die in ihrer Sterilität jeden Charakters beraubt sind. Vom Festive 500 versprach ich mir da weit mehr und nach einigen Überlegungen war meine Anmeldung fix. Da auch der weihnachtliche Reise- und Besucherverkehr extrem eingeschränkt wurde, vom Zeitkonto her kein Hindernis und damit auch familienintern ohne Dramatik.

Der Auftakt zum Festive 500 war eine zweigeteilte Aktion an einem windig und nass angesagten Heiligabend. Dafür musste mein am Vorabend notdürftig zurechtgemachtes, dreißig Lenze zählendes Trek Antelope 820 herhalten. Schutzbleche besitzt sonst keins meiner Räder und da ich nicht völlig verdreckt dem Schwiegervater zum Geburtstag gratulieren wollte, durfte die alte Antilope zunächst 41 km durch den Spreewald zeigen, was sie im strammen Gegenwind so drauf hat.18,5 kg bringt die Stahlrohrdame auf die Waage und die Shimano GS 200 - Gruppe will den Vortrieb der 21 Gänge, biopace-getrieben, gefühlvoll auf die Straße gebracht haben. Das ging auch ganz gut, zumal der Regen ausblieb, bis, ja bis eine nasse Holzbrücke über ein Spreewaldfließ, die Bodenhaftung der Semislicks schlagartig beendete und mich deren Balken von ganz nah betrachten ließ. Nur dem Helm verdankte ich danach wieder aufgestanden zu sein. Eine ordentliche Delle in ihm zeugte von der Sinnhaftigkeit dieser wenig geliebten Kopfbedeckung. Die Sachen sahen danach auch nicht mehr schrankfrisch aus, aber weiter ging die Fahrt. Nun fing die rechte Hand an Ärger zu machen. Der Lenker ließ sich kaum noch greifen und ich hielt an, um die Handschuhe auszuziehen und den Schaden zu begutachten. Volltreffer! Der Ringfinger stand komisch ab und der Handrücken war deutlich größer als er sein sollte. Sch...! Aber was blieb mir übrig? Weiterfahren - die Challenge darf nicht schon nach 30 km zu Ende sein!    

Wider Erwarten zeigte sich bald darauf ein blauer Himmel und die Sonne lächelte mir im stürmischen Wind ins Gesicht. So traf ich trotz allem gut gelaunt beim Schwiegervater ein, konnte meine Grundreinigung vornehmen, das verstellte Rad wieder halbwegs richten und meine Blessuren genauer in Augenschein nehmen. Zur demolierten Hand gesellte sich noch ein tiefer Einschlag im rechten Knie, alles keine Gründe die Challenge zu beenden. Wie man als Rechtshänder eine Kaffeetasse mit links kleckerfrei zum Bestimmungsort führt, das lernte ich dann in der nächsten halben Stunde.
Teil 2 des ersten #Festive500 - Tages war dann die Heimfahrt auf kürzestem Wege. Wenig spektakulär, zum Glück immer noch trocken und Dank Rückenwind mit ordentlich Speed. An meiner Sturzbrücke entdeckte ich dann auch ein Schild "Vorsicht bei Nässe - Sturzgefahr!" - also auch auf dem Rad gilt die alte Regel "Augen auf im Straßenverkehr!"...
In Summe also den ersten von acht Fahrrad-Intensiv-Tagen passabel beendet, 72 km auf der Habenseite und nur noch 428 km to ride! 

Noch mit vollem Bauch vom Heiligabend ging es am Morgen des ersten Weihnachtstages auf große Fahrt durch die Märkische Heide. Warm eingepackt störte der andauernde Sprühregen und die Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt nur wenig. Die doch beachtlich angeschwollene rechte Hand steckte in weiten und warmen Primalofthandschuhen und durch die vielfältigen Griffmöglichkeiten am Lenker des Gravelbikes fand sich immer wieder eine wenig störende Position. Der Wind kam meist auf Kante oder blies in den Rücken, so dass diese Asphaltetappe von der Sache her ganz angenehm war. Eine Handvoll Kilometer vor der Hauseinfahrt trug ich mich sogar noch mit dem Gedanken eine Extraschleife zu drehen, gewissermaßen ein paar Kilometer auf Vorrat zu machen. Ach, 80 km reichen auch, siegte doch mein innerer Schweinehund... und das war gut so! 1.500 m vor zu Hause setzte ein Schneeregenschauer der Extraklasse nicht nur die Straße schlagartig unter Wasser, sondern flutete eisekalt auch eingehend, meine an sich wasserresistente Kleidung. Nass wie eine gebadete Katze rettete ich mich ins Haus, um nur wenige Minuten später die Sonne von einem lupenrein blauen Himmel strahlen zu sehen...  Zufrieden schlürfte ich nach heißer Dusche einen Kaffee. Nur noch 348 km!

Zweiter Weihnachtsfeiertag! Trocken, die Sonne schaute auch mal raus, nur die -2 °C zur Startzeit sorgten ganz schnell für rote Wangen und Nase. Dank vorabendlicher Intensivkühlung und ordentlich dosierter Salbung war die rechte Hand auch wieder etwas kleiner geworden. Spaß pur war nun angesagt. Das man sich in der nahen Heimat nicht immer gut auskennt, lernte ich dabei schon in der ersten Fahrtstunde. Dörfer, von denen ich noch nie etwas gehört hatte, dazu mit Radwegen gut erschlossen, lagen auf meinem Weg nach Straupitz, zum Weihnachtshaus (oder im Frühling dann Osterhaus). Dieses Haus oder besser Gehöft muss man einfach mal gesehen haben. Eine größere Weihnachtsmanndichte pro Quadratmeter gibt es wohl nicht gleich noch mal. Die netten Besitzer der Knecht-Ruprecht-Farm zeigten mir bereitwillig ihre Anlage und erzählten mir auch ein wenig zur Geschichte ihrer Leidenschaft. Abends ist das Ganze natürlich noch üppig beleuchtet... über die Höhe der Stromrechnung darf spekuliert werden.
Pünktlich zum Weihnachtsbraten saß ich wieder daheim am Tisch, mit weiteren 85 km auf der Habenseite.

Eine Tiefdruckdame namens Hermine schüttelte auch die Niederlausitz anständig durch. Ein wenig Schutz suchend vor ihr, plante ich möglichst durch Waldgebiete zu fahren. Obwohl der Spreewald "Wald" im Namen führt, ist es trotzdem nicht so einfach derart windsichere Strecken zu finden. Und da wo es möglich war, waren die Wege anständig mit heruntergewehtem Geäst bestückt. Also eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Letztendlich fuhr es sich im Wind fast besser.  Bei erfrischenden 0°C wurde es mir dabei wenigstens ordentlich warm. In Schmogrow traf ich auf ein coronagewappnetes Paar und eine nicht wirklich winterlich anmutende Kahndekoration. Ein wenig Abwechslung in der sonst eher monotonen Kurbelei gegen die Naturgewalt. Aber weitere 80 km waren am späten Vormittag im Kasten.

Mit einem Tag Urlaub hatte ich das Weihnachtswochenende noch ein klein wenig strecken können. Da Kerstin bereits wieder arbeiten musste, für mich ein voller Tag zum radeln. Zeit um mal in den dreistelligen Kilometerbereich zu gelangen. 

Hermine hatte zum Glück an Kraft verloren, hin und wieder zeigte sich sogar die Sonne. Zunächst den Schwielochsee zu umrunden und danach weitläufig über Lübben durch den Spreewald zu kurbeln, so der Plan. Aber mit den Plänen ist das ja immer so eine Sache... Das mich gesperrte Straßen kurz vor Beeskow, am Nordzipfel des Schwielochsees,  auf ein Neues, mich mir völlig unbekannte Dörfer durchqueren ließen, kam ja der Kilometerfresserei noch zu Gute, dass sich aber hier knirschende Geräusche am Hinterrad bemerkbar machten, das gefiel mir so gar nicht. Mein Gedanke, eine geöffnete Fahrradwerkstatt in Beeskow zu finden, entpuppte sich wenig später als Luftnummer. Ich zog meine Mittagspause im nächsten Wald danach etwas vor, um den Schaden genauer in Augenschein zu nehmen. Ohne Kettenpeitsche und Abzieher war aber nicht an die betreffende Stelle heranzukommen und da das Geräusch etwas nachgelassen hatte, ging es, mangels Optionen einfach weiter. 

Etwas gefühlvoller in die Pedale tretend, ein Ohr immer auf die Hinterachse ausgerichtet und mit etwas schwergängiger dahinrollendem Hinterrad, machte die Fahrerei trotzdem großen Spaß. Wie schon in den Tagen zuvor war kaum ein Mensch unterwegs und selbst auf den kurzen Passagen auf Bundesstraßen brauchte ich nicht um mein Leben fürchten. Die Fahrt über Lübben ließ ich aber besser sein und kürzte über Zaue ein wenig ab, in der Hoffnung später in Burg noch eine geöffnete Fahrradwerkstatt zu finden. 

Das mit der Werkstatt wurde natürlich nix und mit bedenklich eierndem und schleifendem Hinterrad ging es die letzten 20 km der Heimat entgegen. Zufrieden, mit trotz allem noch gemeisterten 122 km, waren Kaffee und Kuchen, zusammen mit Kerstin genossen, die Belohnung für den anstrengenden Tag.
Nach einigen Fehlversuchen fand ich dann auch eine Fahrradwerkstatt in Cottbus, die sich meines Hinterrades annehmen wollte, mich aber aufs nächste Jahr mit der Fertigstellung vertröstete. 

Mit dem Morgen des 29. Dezember rief auch mich die Arbeit wieder. Die Erkenntnis, das mir nur noch 60 km bis zum Ziel fehlen, ließ mich gelassen, bei wenig schönem Wetter, man kann auch Mistwetter dazu sagen, die gute alte Antilope durch die Dunkelheit treiben. Viel länger als die reichliche Stunde, mit 25 km, hätte ich aber auch wirklich nicht fahren wollen. Danach konnte ich das Hinterrad vom Gravelbike auch wieder einbauen, welches erstaunlicherweise doch ganz schnell geheilt wurde. Beide Innenlager hatten hier übrigens beschlossen sich in Selbstauflösung aus ihrem Dasein zu verabschieden.

Bewegung musste schon sein, also noch einmal abends für eine Stunde raus. Nicht ganz so nass und windig wie am Vorabend,  damit auch schneller wieder zu Hause und in der warmen Badewanne. 10 km verblieben nun noch fürs Finale.

Der letzte Tag des Jahres brachte zwar frisches, aus Radfahrersicht aber einfach ein traumhaftes Wetter. Noch 10 km im Soll - das war natürlich zu wenig. Also ging es auf großer Runde wieder hinein in den Spreewald. Zunächst nach Stradow, um dort mit dem Schwiegervater einen Jahresendschnaps zu trinken. Kurz einen Kurzen sozusagen! Den Becher mit rechts zu halten ging wieder, obwohl die Hand noch ganz ordentlich zickte. Mit diesem Treibstoff im Blut und einem wieder wunderbar dahinschnurrendem Hinterrad rollte ich bald weiter..

Ohne Ehrgeiz ging das natürlich nicht, wollte ich doch meine etwas "versaute" Durchschnittsgeschwindigkeit nach oben drehen. Ein guter 27-er Schnitt reichte nicht ganz für in Summe 25 km/h. Mit 24,8 km/h auf 566 km kann ich aber ganz gut leben.
Noch einmal Pause in den renaturierten Spreeauen bei Dissen und noch einmal einen Schluck Treibstoff auf das an dieser Stelle längst vollbrachte Unternehmen #Festive500. 

Auch wenn ich immer allein unterwegs war, war es doch ein geiles Event. Der abendliche virtuelle Talk mit Gleichgesinnten, der Austausch über das Erlebte und die Befindlichkeiten dabei, das hatte schon etwas! Dabei bin ich am Ende nur ein Finisher, die ganz Verrückten ziehen die 500 km am Stück durch, nicht nur am Stadtrand vom sommerlich warmen Kapstadt, Sydney oder Buenos Aires, nein auch auf Vancouver Island macht man so etwas, wie ich gelernt habe.... Dann schauen wir einfach mal was 2021 so geht!

Informationen zum #Festive500 finden sich auf der Website von Rapha. Unter Stories / Events gibt es alle Informationen, sowie zahlreiche Bilder und Berichte.