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ICEBUG XPERIENCE ULTRA - Laufvergnügen auf Schwedens Westcoast-Trails

Die Geschichte zu diesem herrlichen Lauf beginnt wieder einmal mit meinem Lospech in Sachen Ultra-Trail Mont-Blanc. Trüb der Januartag 2019, trüb die Mitteilung nicht dort dabei sein zu können, lang mein Gesicht und meine Laune passend dazu. Ein paar Tage später der Entschluss, wenn nicht beim UTMB 2019, dann auch gar nicht 2019 in den Alpen zu laufen! Aber wo dann? Nix passte wirklich in unser mögliches Termingefüge, bis ich auf den ICEBUG XPERIENCE ULTRA stieß, der zudem genau am UTMB-Samstag stattfinden sollte. Das Unterfangen Kerstin von dieser Idee zu begeistern war nicht schwer, da wir noch nie in Schweden waren. Die Anmeldung wurde dementsprechend ganz schnell erledigt. Weniger schnell ging dann der logistische Teil, denn schließlich wollten auch 14 Tage Urlaub rund um dieses Event ordentlich geplant sein, was vorweggenommen letztendlich auch ordentlich gelang.

zu früher Morgenstunde in Hunnebostrand, dem Startort des Rennens
das Laufgepäck des einzigen deutschen Starters

Racedays fordern den early bird… 3:25 Uhr am 31. August schreckte mich der Wecker aus dem Tiefschlaf. Halb düdelig ging es wenig später zum Frühstück im Bohus-Malmöns-Pensionat, dem Headquarter und Zielort des Rennens und zudem unser Quartier. Mit dem ersten Kaffee kamen die Lebensgeister so langsam hervor und mit dem Krachen des schwedischen Knäckebrots im Kauapparat war der Körper endgültig erwacht. Um 5.00 Uhr fuhr schon unser Shuttlebus zum Start nach Hunnebostrand. Mit meinem recht übersichtlichen Gepäck und dem kleinen Dropbag kam ich mir fast fehl am Platz vor. 30 - 50 Liter Hartplastikboxen, randvoll versteht sich, scheinen bei schwedischen Trailrunnern Normalität zu sein.     

noch herrscht Ruhe unterm Startbogen

Das recht übersichtliche Feld von nur 77 Startern wurde dann auch pünktlich um 6.00 Uhr in Bewegung versetzt. Im Sonnenaufgang die Schärenwelt der schwedischen Westküste zu erleben, war schon ein grandioses Erlebnis. Konzentration stand aber vor Genuss, denn mit dem ersten Anstieg wartete gleich der höchste Punkt des 50 Meilen-Rennens (1.630 Höhenmeter), zwar nur um die 80 m ü. NN hoch aber tricky zu belaufen. Das ständige auf und ab über den blockigen, rundgeschliffenen Fels setzte mir mehr zu, als erwartet. Eine ungewohnte Anstrengung eben, im heimischen Spreewaldrandgebiet schlecht zu trainieren. 

Blick zurück im Anstieg zum Skalberget, dem höchsten Punkt des Rennens
durch tiefe Schluchten, vom Filmteam verfolgt ;-) Foto: Veranstalter

Kaum vom Felsen wieder runter, warteten mit hüfthohem Farn und Blaubeergebüsch verwachsene und meist matschige Trails zwischen aufsteilenden Felswänden auf uns. Eine unglaubliche Kulisse! Es hätte mich nicht gewundert, hier den Freischütz beim Kugelgießen anzutreffen. Aber, es machte Spaß und es lief jetzt auch richtig gut bei mir. Die größte Freude war dann, am VP nach ca. 10 km schon mit Zimtschnecken, der skandinavischen Spezialität schlechthin, versorgt zu werden. Cinnamon-Bun-Power ist besser als jedes Energy-Gel!

beim ICEBUG XPERIENCE ULTRA kann, nein muss man übers Wasser gehen

Nach gut 11 km ging es dann wieder raus aus dem Gebüsch und im schönsten Sonnenschein an der Küste entlang. Genuss pur, um nach ca. 16 km die Zugbrücke zur Insel Ramsvik zu überqueren. Hier an der Brücke wartete auch der VP 2 und gleichzeitig 4 mit der nächsten Portion Zimtschnecken. Die Insel selbst gilt es mehr oder weniger zu umrunden, wobei an ihrem nördlichen Zipfel noch einmal ein (leider zimtschneckenfreier) VP wartet. Nach diesem Örtchen wird es dann nordisch schroff. Immer nah an der Küstenlinie entlang und springend über glattgeschliffene Blöcke oder um sie herum wurden die Gebeine schon arg strapaziert. Dazu ein ordentlicher Luftzug, der auch immer irgendwie von vorn kam. Kurzum, eine schöne Schinderei. Heilfroh erreichte ich die Zugbrücke und zu meinem Glück war sie wegen einer Schiffspassage oben. Das hieß kurze Pause (die Standzeit wird aus der Laufzeit herausgerechnet) und damit neue Kraft tanken nach nun schon 32 km.  

am Nordzipfel der Insel Ramsvik
auch wenn es nicht so ausschaut, ein kräftezehrendes Geläuf
im südlichen Teil Ramsvik's Foto: Veranstalter

Zurück auf dem Festland warteten zunächst Schotterwege auf die Läuferwaden, bevor zwei bissige Felspassagen, beide nicht viel höher als 50 m ü. NN, zum VP und gleichzeitig Dropbagstation bei Kungshamn führten. 39 km geschafft, Halbzeit! Nun ging es erst einmal bergab in den Ort und von dort über die Smögenbron, die Smögenbrücke, eben nach Smögen. Das hieß erst mal Asphalt und auf selbigem ordentlich Höhenmeter und das in mittlererweile brutzelnder Sonne. Den gefühlt tausenden Touristen in dem durch seinen Hafen und die bunten Bootshäuser bekanntem Ort, konnte ich natürlich kein Jammerbild von mir liefern. Also Kopf hoch, und lächelnd durch die Menschentrauben durchgeschlängelt. Das Standardfoto vom Ort zu machen, dass ließ ich mir aber nicht nehmen.

Blick von der Smögenbron nach Süden, links Kungshamn, in der Mitte Rösholmen und rechts Smögen
"DAS" Foto von Smögen
Blick von der Smögenbron nach Norden (auf dem Rückweg)
die Smögenbron, auf dem Weg nach Kungshamn

Der Weg zurück aufs Festland führte natürlich noch einmal über die Smögenbron und schließlich auch noch unter ihr hindurch. Im Hafengelände von Kungshamn leistete ich mir den ersten von drei Verhauern auf dem perfekt markierten Parcours. Selbst Schuld, aber die 600 Zusatzmeter fielen nicht wirklich ins Gewicht. Mit dem Verlassen von Kungshamn wurde das Rennen wieder interessanter. Die Teilnehmer des West-Coast-Trail kamen uns Ultras nämlich entgegen. So ungefähr 600 müssen es gewesen sein, die unseren Kurs in drei Etappen, nur eben von Bohus-Malmön nach Hunnebostrand absolvierten. Mit gegenseitigem Anfeuern gingen die Kilometer beiderseits nun nicht unbedingt schneller, auf alle Fälle aber lustiger vorbei. Vom Geläuf her gab es keine Veränderung. Felsblockhüpferei, Wurzeltrails, Matsch, Blaubergestrüpp... und ich habe vorher noch nie Wälder gesehen, in denen es dermaßen vor Steinpilzen wimmelte! 

Hovenäset heißt dieser malerische Ort, der nach ca. 55 km passiert wird
ein Blick aufs Buffet, auch die Kreation hinter den Zimtschnecken ist eine wahre Gaumenfreude

Nach Hövenäset wurde es langsam wieder einsamer. Die Trails waren weiter fordernd, allerdings etwas gutmütiger. Unkonzentriert mache ich nun Verhauer Nummer zwei. Noch mal 500 m mehr und der Wegweiser hatte Scheunentorgröße!  Auf einem kurzes Stück Asphalt, hinunter zur Fähre nach Bohus Malmön, konnte ich es später sogar noch mal richtige rollen lassen. Dann glücklicherweise Pause, weil die Fähre noch nicht da war. Alle Viere ausgestreckt auf einem warmen Felsblock, ein Genuss. 68,5 km im Sack und ich selbst auch in Selbigem... Aber die fehlenden 12 km sollten doch kein Problem mehr sein... 

die Fähre nach Bohus Malmön in Blickrichtung Festland
Bohus Malmön - Bootshäuser überall
im Südwesten von Bohus Malmön

...und doch! Kaum von der Fähre runter kam ich nur schwer in Gang. Der Anstieg auf die Insel schaffte mich enorm. Die Landschaft ist phantastisch und mein einziger Lichtblick. Mit Arno habe ich einen ähnlich leidenden Begleiter. Als er mitbekommt das ich kein Schwede bin, stellt er sein Fluchen auf Englisch um. "Fu..." ist das Wort der letzten 1 1/2 Stunden. Dem Hafen und Badestrandgelände folgt bald der schroffe, steinige Teil der Insel. Großschottrige Pisten oder weglos über die bekannt runden Blöcke führte der Weg. Wir verpassten mit unserem Gefluche eine Markierung und konnten uns nur mühsam wieder zurück auf den Track manövrieren. Noch ein Kilometer mehr auf der Uhr! In einem alten Steinbruch waren zum Finale des Tages sogar ein wenig Kletterqualitäten gefordert. Nach offiziell 80 km dann endlich wieder ein richtiger Weg und der Ort in Sicht. Meine letzten Reserven mobilisierte ich um wieder in einen anständigen Laufschritt zu kommen. Arno hatte einfach keinen Bock mehr. Kerstin erwartete mich und lief die letzten 400 m mit mir gemeinsam ins Ziel. Geschafft! Nur das zählte. Drei Minuten nach mir kam auch Arno ins Ziel. Gemeinsam tranken wir, um der Internationalität Rechnung zu tragen, denn Arno ist zwar Schwede, aber gebürtiger Südafrikaner, erst einmal eine gute Dose tschechisches Bier...

deutlich mitgenommen, 400 m vor dem Ziel
es ist vollbracht, da ging auch wieder ein Lächeln
der Lohn der Mühen

Gewonnen haben das Rennen:

Steffen Brufladt aus Norwegen in 07:09:28 Stunden bei den Herren und

Mervi Heiskanen aus Schweden in 08:53:36 Stunden bei den Damen.

Im Feld der nur 65 Finisher landete ich in 11:45:11 Stunden auf dem 50. Platz.

Ein Video zum Lauf gibt es auf der Facebooksite der Veranstaltung und noch viele weitere Informationen rund um dieses tolle Rennen.

 




Ja, der ICEBUG XPERIENCE ULTRA ist schon eine harte Nummer! Allemal schwerer als erwartet aber landschaftlich ein Traum. Für verhältnismäßig kleines Geld bekommt man eine solide und liebevoll organisierte Veranstaltung geboten. Die Strecke ist perfekt markiert und die Verpflegungspunkte sind vielfältig und ausreichend bestückt, auch für Läufer mit einer Zimtschneckenallergie. Wer dem Trubel und Gedränge der vermeintlich großen Läufe in den Alpen entgehen will, der erlebt hier Großes und das ganz familiär. Eine klare Empfehlung also! Daumen ganz stramm nach oben!   

Alle Infos zum Lauf auch auf der Website der Veranstalter!