Nowe Granice 2018
Start in einen gaaaaanz kalten Wintertag (Foto:Veranstalter)

IV. Ultramaraton Zielonogórski "Nowe Granice" 2018

"Always know in your heart that you are far bigger than anything that can happen to you!" Dieser Satz, vor kurzem in einem Buch mit gar nicht läuferischem Hintergrund gelesen, ging mir zu früher Zeit auf den Trails dieses polnischen Ultra-Marathons durch den Kopf. Noch nie war ich schon nach wenigen von insgesamt 103 km ("100 km gehen ja bekanntlich immer") so pappesatt! Wie sollte ich hier finishen....???? Was war los?   

Nowe Granice 2018
die deutsche Fraktion für die Runde um Zielona Góra, Stephan, Gunnar, myself, Oliver

Irgendwie muss ein Laufjahr ja beginnen. Die guten Erfahrungen aus meinem Start im Jahr 2016 auf den "Neuen Grenzen" von Zielona Góra und natürlich die vier einzuheimsenden ITRA-Punkte, machten die Entscheidung ein Februarwochenende in Polen zu verbringen recht einfach. Also Registration! Wenige Tage später entdeckte ich drei der üblichen Verdächtigen für diese Art von Expedition ebenfalls in der Startliste. Da kann also alles nur gut werden. Der Vorabend des Rennens war es dann auch. Während draußen das Quecksilber immer tiefer fiel, genossen wir drinnen wohl temperiertes und noch wohler schmeckendes polnisches Bier.  

Nowe Granice 2018
...der morgendliche Blick aus dem Hotelfenster

Morgens um 4:30 Uhr klingelte der Wecker. Ein Blick aus dem Fenster ließ mich erstarren. Es hatte geschneit! Nicht viel, aber immerhin. Das Handy-Thermometer zeigte -8°C an. Nein, ich will jetzt nicht wirklich da raus!
5:15 Uhr, das Energie-Frühstück, von Kerstin zubereitet, verbreitete Wärme im Bauch. Stephan, Oliver und Gunnar klopften an die Tür. Jetzt ging es raus in die Kälte. Im Startbereich schnell noch mal in eine Turnhalle hinein, ein paar angenehme Plusgrade erhaschen. Doch dann mussten wir raus. Der gut inszenierte Start um 6.00 Uhr entließ uns in die Dunkelheit und in die beißende Kälte.
Nach recht kurzer Zeit lief es rund bei mir. Die nicht allzu schwierigen Steigungen brachten mich auf Betriebstemperatur. Die Nase lief zwar auch noch, die Nachwehen einer Erkältung eben, das störte aber nicht wirklich. Störend war dagegen, dass mein Trinksystem nach einer halben Stunde auf dem Trail bereits völlig zugefroren war. Trotz Isolierung! Bis zum ersten VP, nach ca. 23 km, sollte es auch ohne Wasser auszuhalten sein, dachte ich mir und danach taut die Morgensonne und damit die Tageswärme das Geschläuch schon wieder auf. Einen Oatsnack, den ich mir später ohne Wasser einverleiben will, hat die Konsistenz von Kruppstahl. Unter meiner Jacke brachte ich ihn aber in einen essbaren Zustand. Wenn das so weitergeht... "herzlichen Glückwunsch" zur Teilnahme an diesem Lauf! Es fehlten ja nur noch 80 km.
Etwas echauffiert gelangte ich an den ersten VP. Mehrere Becher warmer Tee und dazu eine Halbjahresration weicher Kuchen füllten meine Energiereserven anständig auf.  

Nowe Granice 2018
am VP 1 nach 23 km, endlich gibt es was zu trinken.... (Foto: Veranstalter)

Meine Hoffnung auf auftauende Trinkschläuche hatte ich bei nunmehr -5°C und im schneidend kalten Wind bereits begraben, als es auf das "Sahnestück" des Rundkurses ging. Direkt nach Jarogniewice, dem VP 1, führte die Strecke für reichlich 4 km durch ein sumpfiges, teils überflutetes Gelände. 2016 und 2017 fanden hier regelrechte Wasser- und Schlammschlachten statt. Der Dauerfrost der vorangegangenen Woche hatte dieses Feuchtbiotop, von den polnischen Veranstaltern liebevoll "Pool" getauft, mit einer ordentlichen, tragenden Eisschicht versehen. Das vereinfachte die Passage enorm, nur an wenigen Stellen hieß es Obacht zu geben um keine nassen Füße zu bekommen. Auf einem schmalen Baumstamm mal kurz über einen Graben ohne Eisschicht zu balancieren, das war schon der Höhepunkt des Nervenkitzels.      

Nowe Granice 2018
"Bridge over troubled water" - Nervenkitzel beim Balancieren ist angesagt
Nowe Granice 2018
vorsichtigen Schrittes auf dem Eis unterwegs (Foto: Hernik Team)

Die Füße trocken, alles gut? Weit gefehlt! War es der viele Kuchen oder hatte mich die Kälte so ausgedörrt? Ich hatte plötzlich Durst wie verrückt. Aus dem vereisten Mundstück des Trinkschlauches taue ich mir ein paar Tropfen heraus. Das war es dann aber auch. Noch gut 15 km bis zum 2. VP in Nowy Kisielin. Ich nahm Tempo raus, um bis dort anständig durchzuhalten. Gunnar überholte mich. Fragte ob alles in Ordnung sei. "Alles Gut" lüge ich. Wenig später bleibe ich mit meinen Trailschuhen in den bockhart gefrorenen Fahrspuren hängen und nehme eine Bodenprobe. Etwas Pelle vom rechten Knie fehlte danach und die A...backe war geprellt - Nebensächlichkeiten, die mir erst abends unter der Dusche auffallen werden. Wütend über mich selbst und die unangenehmen Bedingungen schleppte ich mich weiter voran. Gedanken ans Aufgeben spuken durch meinen Kopf! Aufgegeben wird nur bei der Post, das ist die Regel....

Nowe Granice 2018
Gunnar meisterte den Hürdenlauf über umgestürtzte Bäume (Foto: Hernik Team)

Kerstin nahm mich am VP 2 im Empfang. So grimmig wie ich schaute, war sie sich sicher, dass ich aus- und somit direkt ins Auto steige. Nach halber absolvierter Strecke war dies aber nun wirklich keine Option mehr für mich. Ich wechselte von den Trail- in gut gedämpfte Straßenlaufschuhe, half mir reichlich Cola in trinkbarer Temperatur hinein, fräste mich durch das großzügig bestückte Buffett und packte mir eine im Auto vorgewärmte Flasche Wasser in die Jackentasche. Das sollte reichen und das Wasser auch nicht gefrieren bis Stozne, dem VP 3 am km 62.

Nowe Granice 2018
Gesicht zur Faust geballt, nach 47 km
Nowe Granice 2018
Kerstin, mein rettender Engel mit der Cola (Foto: Hernik Team)

Der Weg nach Stozne war recht abwechslungsreich. Durch hügeliges Gelände und meist windgeschützt im Wald kam ich gut voran. Wenn Benzin im Tank ist, läuft ein Motor halt auch gut. Stozne selbst liegt dann wieder inmitten von Wiesen und Feldern. Hier und auf dem Weiterweg Richtung Oder setzte uns Läufern der Wind wieder gehörig zu. Man musste sich dieser Naturgewalt regelrecht entgegenstemmen. Bei -3°C, dem Höchstwert des Tages, kein Genuss. In den Oderauen, auf dem Oderdamm und auch auf dem weiteren Weg nach Wysokie war es dann wieder etwas angenehmer und manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Sonne sogar ein wenig wärmte. In Wysokie, dem VP 4 nach ca. 80 km, erwartete mich Kerstin wieder. Vorgewärmte Cola und ebensolches Wasser, beißbare Oatsnacks, dazu Tee und ein heißes Süppchen brachten meine Akkuladung wieder nach oben. Ein Typ am VP hält mir ein Mikro vors Gesicht und will wissen, wie ich den Ultra-Trail hier finde. "Der Beste, den ich je gelaufen bin!" lüge ich schon wieder und mache mich unter Beifall auf die letzten 23 km.

Nowe Granice 2018
Stephan und Oliver sind gut vermummt unterwegs (Foto: Veranstalter)
Nowe Granice 2018
Interview nach 80 km

Es lief wieder gut. Der Sonnenuntergang war ein echtes Naturschauspiel. Zum Fotografieren hatte ich keine Lust, da hätte ich ja die Handschuhe ausziehen müssen. Das wollte ich keinesfalls riskieren, denn mit der schwindenden Sonne kam die Kälte zurück. So kalt, dass ich regelrecht am ganzen Leibe schlotternd am letzten VP bei km 98 ankam. Die Tasse für den Tee aufzufalten war schon eine Geduldsübung an sich, für die trotz Handschuhen eisigen Finger, das Trinken desselbigen danach dann echt mühsam, denn der halbe Tasseninhalt wurde auf den Boden gezittert. Was solls dachte ich mir, die letzten 5 km bekomme ich schon noch hin.
Nach 13:47 Stunden überquerte ich die Ziellinie. Kerstin nahm mich in Empfang. Schnell noch Medaille und Finishershirt eingeheimst und dann auf direktem Weg zum Auto. Sitzheizung auf volle Pulle! Im Hotel nur schnell aus den Schuhen und den Rucksack abgesetzt und in voller Montour ohne Umwege ins Bett. 45 Minuten später war ich halbwegs wieder hergestellt und brühte die letzte Kälte unter der heißen Dusche weg. Ich hatte noch nie im Leben so gefroren! Und trotzdem war es ein geiler Lauf, der mich sicher wieder an seiner Startlinie sehen wird....  

Nowe Granice 2018
....nicht mit Ruhm bekleckert, aber gefinisht

Gunnar war der Schnellste von uns vier Deutschen. In 12:10 Std., auf Platz 66 von 144 Finishern, erreichte er das Ziel und kam somit am Besten von uns mit den Bedingungen zurecht. Oliver und Stephan sahen die Ziellinie drei Minuten nach mir, womit uns die Plätze 111 - 113 zufielen. Wenn man davon ausgeht, dass nicht alle 200 Gemeldeten am Start standen, sollte die Finisherqoute dieses Rennens irgendwo zwischen 75 und 80% liegen. Ein Beweis dafür, dass die vier ITRA (UTMB) - Punkte hier nicht verschenkt werden!
Der Sieg ging bei den Herren übrigens an Jakub Sleziak in 8:41 Std. und erste bei den Frauen war Monika Biegasiewicz in 9:18 Std. und damit war sie gleichzeitig fünfte in der Gesamtwertung!!!! Respekt!

Nowe Granice 2018
...der shöne Lohn der Mühen und Qualen

Der "Ultramaraton Zielonogórski Nowe Granice" gehört aus unserer Sicht zu den bestorganisierten Events dieser Größenordnung. Das Preis-Leistungsverhältnis ist dazu unschlagbar! Für ca. 35 € gab es ein Event-T-Shirt und einen passenden Buff dazu. Die Anmeldeprozedur ist kein Problem für Leute, die nicht des Polnischen mächtig sind. Oft kommt man mit Deutsch weiter, wenn nicht, zumindest mit Englisch. Die Verpflegungspunkte sind gut bestückt und es findet sich für jeden Geschmack ein reichhaltiges Angebot. Im Ziel gab es eine Medaille und ein langärmliges, höherwertiges Finishershirt. Ultraläuferherz, was willst du mehr?
Wer nicht die 103 km am Stück abbügeln will, der hat die Chance in 2-er oder 4-er Staffeln zu laufen oder im Duathlon, auch als Staffel, aktiv zu werden. Also das letzte Februarwochenende 2019 schon mal vormerken!   

Nowe Granice 2018
die tolle Landschaft bei Zielona Góra, hier am Bóbr nahe Krosno Odrzańskie, lädt zu weiteren Exkursionen ein

Alle Informationen zum Lauf gibt es unter www.nowegranice.pl - auch in einer englischen Version. Auch auf der Facebook Site der Veranstaltung lassen sich allerhand Informationen und News zum Lauf abgreifen.

Die Fotos dieses Berichtes stammen von Kerstin und mir bzw. von den Veranstaltern des Ultramarathons sowie dem Hernik Team! Beim Hernik Team bedanken wir uns ganz herzlich für die Nutzungsrechte. Dziękuję bardzo!

Nowe Granice 2018
:-)